Uff, die letzten Tage war ordentlich was los, das hat mich so sehr auf Trab gehalten, dass ich kaum die Chance zu schreiben hatte. Naja, ich selbst habe gar nicht so viel gemacht, aber es sind nochmal ein ganzer Haufen neuer Eindrücke dazugekommen. Fange ich jetzt beim positiven oder beim negativen an?
Am besten bei den üblen Erfahrungen, dann hab ich sie hinter mir. Am Sonntag bin ich zum ersten Mal in eine kenianische evangelische Kirche gegangen, in der Hoffnung, dort einen für mich angenehmen Gottesdienst zu erleben. Da wurde ich schwer enttäuscht, da es eine evangelikale Kirche war, womit ich mich nicht identifizieren kann. Das hat mich direkt in eine Glaubenskrise gestürzt, ich in meinem letzten Eintrag (hier) sehr dramatisch thematisiert habe.
Punkt zwei: diese Woche ging in meiner Schule das große Schlagen wieder los. Ich habe jeden Tag miterlebt, wie die Schüler*innen den Rohrstock zu spüren bekamen. Das hat mich, wenn man es untertrieben darstellen will, ein wenig gereizt, und ich habe vermutlich einen Großteil der Arbeitszeit damit verbracht, mit ein paar Lehrerinnen zu diskutieren, ob das gerechtfertigt sei, oder nicht.
Ich bin in diesem Punkt absolut unnachgiebig und vertrete die Überzeugung, dass man, sobald man nur ein Mal die Hand gegen ein Kind, ein Schutzbefohlenen, erhebt, das nicht kleinreden kann, in meinen Augen ist das Kindesmisshandlung. Mit der Einstellung stehe ich hier im Gegensatz zur gesellschaftlichen Meinung. Ein Argument, welches meine Kollegen aufgeführt haben und bei welchem ich ihnen tatsächlich zustimmen muss (was trotzdem nichts an meiner Einstellung ändert), ist, dass sie keine realistische andere Möglichkeit haben. Gesetzlich ist ‚corporal punishment‘ in Kenia kriminalisiert, jedoch wird das nicht wirklich durchgesetzt und vieles wird unter den Tisch gekehrt (wenn die Kinder ins Lehrerzimmer kommen, wird der Vorhang zugezogen). Die Regierung empfiehlt ‚councelling‘, was auf dem College jedoch nicht gelehrt wird, die Lehrer*innen sind also nicht dafür ausgebildet. Da die Noten rein darauf basiert, wie man in Multiple choice test, die über das Jahr verteilt sind (das ist in Kanada zum Beispiel auch so), gibt es auch nicht die Möglichkeiten, die die mündlichen Noten in Deutschland bieten. Die Lehrer haben entweder nicht die Zeit oder sie nehmen sie sich nicht, sich um die Störenfriede zu kümmern und dadurch scheint ihnen ‚caning‘ als die einzige, aber auch die einfachere (nicht meine Worte, sondern von mehreren Lehrerinnen), Lösung.
Und jetzt noch ne kleine nervige Sache; meine Hostmom kann sich meinen Namen immer noch nicht wirklich merken und nennt mich u.a. ab und an Juan, oder, wenn sie über mich spricht, natürlich Mzunguu.
Aber jetzt das, was mich diese Woche wirklich glücklich gemacht hat: ich liebe es, wenn ich den Schulkindern etwas mitgeben kann. Viele Achtklässler kommen in die Bibliothek und stellen mir Fragen in Mathe, manche Fünftklässler lesen vier (Kinder-)Bücher am Tag. Ich habe ab und an ein Stück Kreide herumliegen und ein Kind hat angefangen an der Bibliothekstafel zeichnen zu üben. Am liebsten sind mir jedoch die Kinder, die seelenruhig in die Bibliothek kommen, sich wortlos hinsetzen und zu lesen beginnen. Wenn ich mal wieder aufstehe und die Bücher wieder ordentlich sortiere, stehen manche ohne Kommentar auf und helfen mir. Einige haben selbst neue Wege gefunden, die Bücher zu arrangieren. Zu beobachten, wie eingenommen die Kinder von dieser Art Tätigkeit sein können ist faszinierend, und einfach großartig.
Ich bin diese Woche endlich mal wieder mehr zum Gitarre spielen gekommen und ich fühle es immer direkt, wenn ich mehr übe. Ab jetzt wird wieder geshredet.
Und mit meinem Gastvater verstehe ich mich nach wie vor großartig. Er ist ein sehr höflicher Mensch und das ist jedes Mal, wenn er eben nicht seine altersgegebene Autorität (als 90jähriger ist die beachtlich) ausnutzt, sondern einen als gleichgestellt behandelt, eine Freude.
Ich hoffe, ich konnte euch ein einigermaßen umfassendes Update über die momentanen Geschehnisse geben. Man sieht sich!
(oder auch nicht, ist immer noch ein Blog).